Identität und Weltdeutung

Einleitung

Die Identität unterliegt seit Jahrzehntem einem interessanten Wandel: Noch in der Nachkriegszeit (1950er und 1960er Jahre) schien Identität klar definiert, man passte sich an gesellschaftliche Erwartungen an. Das höchste Ziel schien die Selbstkontrolle („Diktatur des man-macht-das-so“). In diese Zeit passt Erik Erikson mit seinem Stufenmodell der Entwicklung wunderbar hinein: Die Jugendzeit sah er im Konflikt zwischen Identität und Identitätsdiffusion, die dann mit 18 beendet sei. Vermutlich hat das schon damals nicht für alle gestimmt.

Wer bin ich? In welcher Welt lebe ich – wird sie vom Schöpfer geschaffen und begleitet oder wird sie von der Evolution gelenkt?

Seit den 1968er Jahren begannen sich Menschen von gesellschaftlichen Erwartungen zu befreien („Emanzipation“), immer mehr Menschen – besonders Jugendliche – begehrten auf, Selbstbehauptung und Emanzipation waren die Stichworte. Revolution schien angesagt, das Traditionelle wurde diffamiert und beseitigt. Weltbilder begannen einen Wettbewerb miteinander, das Ich von Frauen, Revolutionären und Nonkonformisten begehrte gegen Traditionen auf (Revolution des ich-mach/will-das-aber-so!). 

Seit den 1990er Jahren findet das Selbst mit der Umwelt wieder zusammen und sucht seinen Weg unter vielen möglichen. Alles soll stimmig sein. Mögliche Wege werden ausgehandelt, der öffentliche Auftritt oder die Inszenierung wird wichtig. („Auftritt des So-entspricht-es-mir!“)

Wir müssen heute unsere Identität selber erfinden. Die normgebenden Traditionen verschwinden immer weiter, Individualisierung und Pluralisierung fordern uns heraus. Unsere Gesellschaft fordert Beweglichkeit und lehnt Anpassung an Überkommenes oder Vorgegebenes geradezu ab. Gehorsam und Verzicht passen nicht mehr in unser Weltbild. Die „biografischen Schnittmuster“ verschwinden. Wir dürfen und müssen die „Drehbücher unseres Lebens“ selber schreiben: entwerfen, inszenieren, realisieren (Heiner Keupp).

Neben dem Selbstkonzept spielt dabei auch die Sicht auf die Welt bei der Identität eine große Rolle. 

Identität und Weltdeutung

Unsere Selbstdeutung steht mit unserer Weltdeutung im Zusammenhang. Die Menschen in der Antike und im Mittelalter sahen in der Welt Gott am Werk, auch die Gesellschaft schien seine Einrichtung und in vielen Ereignissen schienen Mächte und Geister am Werk. Die Welt schien „verzaubert“, die Grenze zwischen Himmel und Erde war durchlässig.

Christen sahen die Welt als „irdisches Jammertal“, das die Glaubenden als Pilger durchwandern, um am Ende in den Himmel und bei Gott einzutreten. 

Die Aufklärung forderte eine „objektive“, eine „vernünftige“ Erforschung der Welt, die traditionelle Denkvoraussetzungen aufgibt und sich von kirchlicher Bevormundung befreit. Das kann man in Kants Aufsatz „Was ist Aufklärung?“ nachlesen. 

Ein Schlagwort wurde für viele die Säkularisierung („Verweltlichung“): Die Welt wird nicht mehr religiös erklärt (z.B. wie in der christlich-jüdischen Schöpfungsgeschichte), sondern mit Hilfe der Naturwissenschaften. Der Mensch ist kein Pilger auf dem Weg in die himmlische Heimat, sondern ein Forschungsreisender und Gestalter.

Auf diese Weise wird die Welt „entzaubert“. Die Menschen scheinen frei, autonom und souverän. Zunächst geht man weiter von einer erschaffenen Welt und einem Schöpfer aus. Dieser greife aber nicht mehr ein, sondern lasse wie ein Uhrmacher seinem Werk nun seinen Lauf. Danach wird Gott zur Hypothese, die die Naturwissenschaftler nicht mehr benötigen. An seine Stelle tritt der „Zufall“, die Welt ist keine Schöpfung, sondern entwickelt sich – Evolution.

Die menschliche Identität wird von der Aufklärung als „denkendes Selbst“ verstanden. Der reinen Vernunftorientierung setzt die Romantik im 19. Jh das Gefühl entgegen. Heute dient der Begriff Authentizität dazu, einen Ausgleich zwischen Vernunft und Gefühl im Subjekt zu formulieren: „Die individuelle Erfahrung ist der Maßstab, nach dem Werte, Weltanschauungen und Traditionen eingeschätzt werden“ (Nils Köbel). 

Immanente Weltdeutungen gehen von der empirischen Realität aus, Physik und Biologie sind ihre Leitwissenschaften. 

Transzendente Weltdeutungen gehen darüber hinaus und beziehen die überweltliche Dimension ein (früher sprach man von Metaphysik), Philosophie, Theologie oder Religionssoziologie sind ihre Leitwissenschaften. 

Religion als Weltdeutung

Religion ist heute Privatsache. Viele sagen: Wer Religion braucht, nutzt sie.

Für viele Vordenker und Vordenkerinnen der Moderne schien es ausgemacht, dass der wissenschaftliche Fortschritt immer mehr dazu führen werde, dass die Religion irgendwann automatisch verschwindet. 

Manche Philosophen wollten die Religion entlarven, Feuerbach sah in ihr eine Projektion menschlicher Wunschvorstellungen: Der Mensch sehne sich nach Macht, Gott sei allmächtig. Der Mensch sehne sich nach Unsterblichkeit, Gott sei das Leben… 

Siegmund Freud hielt Gott für eine Übertragung des frühkindlichen Vaterkomplexes. Für Marx schien Religion ein Opium des Volkes. Marxisten bekämpften deshalb Religion bewusst, um das Volk aufzuklären und den schädlichen Einfluss der Kirchen zu beseitigen.

Aber die Religion verschwand nicht, in Europa geht ihr Einfluss weiter zurück, in den meisten Regionen der Welt sind Religionen aber auf dem Vormarsch. Allmählich muss man sich eingestehen, dass die Säkularisierung kein Gesetz des Fortschritts, sondern so etwas wie ein europäischer Sonderweg ist. Weltweit zeigt sich, dass Religion im Aufwind ist.

Identität und Religion

Peter Berger hat gezeigt, dass religiöser Glaube eine subjektive Grundhaltung darstellt, die sich auf Basis religiöser Erfahrungenim Individuum bildet. Religiosität entsteht in Lebensvollzügen, in denen Personen wahrnehmen, dass eine religiöse Lebensdeutung für sie ein hohes identitätsrelevantes Gut ist. 

Hans Joas setzt bei der Beschreibung religiöser Erlebnisse beim Phänomen der Erfahrung an und spricht von religiöser Selbsttranszendenz (Joas 2007: 17f.). Er meint damit Momente des Ergriffenseins – von einer wunderschönen Naturerfahrung, von einer einzigartigen Musik oder einem Kunstwerk oder eben auch von Gott. 

Auch Erfahrungen der Selbstlosigkeit und der Selbstüberwindung (wir verbinden dies mit Nächstenliebe) nennt Joas Erfahrungen der Selbsttranszendenz. Das gelte für die Geburt eines Kindes, die Schreckenserfahrung einer Krankheitsdiagnose, die Erfahrung von Leid und Tod. All diese Erlebnisse können solche Momente des Ergriffenseins auslösen. 

Alle eben beschriebenen Erlebnisse dienen Joas als Hinweis auf religiöse Erlebnisse, die Menschen haben können, die Gott in besonderer Weise begegnen und die danach ihr Leben neu ausrichten. Der wissenschaftliche Begriff lautet „Konversion“, der deutsche „Bekehrung

Als August Hermann Francke eine Predigt vorbereiten will, wird ihm die Existenz Gottes plötzlich ungewiss. Alles Wissen hilft ihm nicht, er ist verzweifelt. Dann geht er auf seine Knie und plötzlich ist er mitten in einem religiösen Erlebnis. Vom einen Moment zum anderen ist ihm Gottes Dasein gewiss, später nennt er dies seine „Bekehrung“. 

Johann Hinrich Wichern berichtet in seinem Tagebuch von seiner Bekehrung, nach der er sein Leben neu ausrichtet. Ganz neu erwacht sein Interesse an Bildung und Gott. Für Gott will er sein Leben leben und auf ihn ausrichten.

Friedrich Schleiermacher sprach vom „Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit“, andere nennen es Ergriffensein von etwas Unverfügbaren. Ein nichtgläubiger Mensch kann hier nicht mitreden, er ist nicht unwillig oder ablehnend. Aber er kennt solche religiösen Erfahrungen nicht, sie passen daher nicht in sein Weltbild. 

Nur der Glaubende findet Worte dafür, die religiöse Menschen verstehen. Die religiöse Erfahrung muss gedeutet werden, man spricht dann von Offenbarung oder von einer Vision (Erscheinung). Der Glaubende hat durch sein religiöses Wissen oder seine religiöse Kompetenz nicht nur einen Vertrauensvorschuss für religiöses Erleben, er kann durch seine Bereitschaft zu glauben auch erst Erfahrungen mit Gott machen. 

Das wird etwa bei Taufe und Abendmahl deutlich, wo wir etwas über diese Sakramente wissen müssen, wenn wir religiös etwas erleben wollen. Wir erfahren etwas über Gebetshaltungen, Askese und andere Übungen. Die Glaubenden deuten dann ihre Erfahrungen im Lichte ihrer Glaubenstradition.

Selbsttranszendierende Erfahrungen stehen niemals für sich, sie bedürfen einer Deutung und müssen in Sprache gefasst werden, auch wenn die notwendige Begrifflichkeit vielleicht angesichts des selbsttranszendierenden Moments noch gar nicht möglich scheint. Selbsttranszendierende Erlebnisse müssen nicht zu religiösen Überzeugungen werden, aber Religionen stellen Deutungsmuster für solche Momente dar. 

Wenn ich ein Erleben von Natur religiös interpretiere, führt dies zu einer religiösen Erfahrung. Ich erfahre etwa die wunderschöne Erfahrung eines Wasserfalls oder die Wirkung eines bunten Herbstwaldes und lobe dafür Gott als Schöpfer. Wenn ich mich auf eine bestimmte Religion einlasse, kann ich entsprechende religiöse Erfahrungen machen. 

Geschichten der Ergriffenheit weisen häufig auf Lebensorientierungen hin, die aus Grenzsituationen des Lebens erwachsen (Aha-Erlebnisse, Transzendenzerfahrungen u.ä.). Dabei sehen interviewte Personen manchmal etwas ganz Neues, das künftig ihr Leben bestimmt. Das erscheint oft im Zusammenhang einer Bekehrung. Mitunter wird Menschen aber auch in bestimmten Ereignissen plötzlich bewusst, dass eine religiöse Wertbindung vorliegt In anderen Fällen suchen Menschen lange nach der Lösung für ein Problem, das sie plötzlich in einer neuen Leitvorstellung entdecken.

Und nun?

Es macht einen großen Unterschied für mich, wie ich die Welt deute und sehe. Ist die Welt das Ergebnis einer Entwicklung, die nach Naturgesetzen abläuft? Bin ich ein Produkt des Zufalls oder eine Laune der Natur? 

Lebe ich in der Schöpfung Gottes, der uns Menschen als seine Ebenbilder geschaffen hat? Bin ich also ein gewolltes Geschöpf Gottes, sein geliebtes Kind?

Beide Weltdeutungen sind heute möglich, und natürlich gibt es noch viele Verbindungen…

Wie jemand die Welt deutet, hat mit Erfahrungen und Erlebnissen zu tun, die Menschen machen oder nicht. 

Literatur

  • Hans Joas 2007: Braucht der Mensch Religion? Über Erfahrungen und Selbsttranszendenz. Freiburg: Herder
  • Heiner Keupp 2002: Identitätskonstruktionen. Vortrag bei der 5. Bundesweiten Fachtagung zur Erlebnispädagogik. www.ipp-muenchen.de/ texte/identitaetskonstruktion.pdf (abgerufen am 6.12.2019, 9:30)
  • Nils Köbel 2018: Identität – Werte – Weltdeutung. Zur biografischen Genese ethischer Lebensorientierungen. Weinheim: Beltz Juventa
  • Martin Siebach 2016: Postmoderner Wandel und Identitätsarbeit. Eine Bildungsherausforderung für den Schulunterricht. In: www.widerstreit-sachunterricht.de, Nr. 22 (13 Seiten)

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