Nun nimmt Schulz von Thun im  Feld Omega unsere Einmaligkeit und unsere besondere Berufung in den Blick. Was macht uns aus? Welches Potential steckt in uns? Nach den vier bisher behandelten Feldern geht es nun also um die Mitte in der Darstellung.

  • Alpha ging es um die Wünsche an unser Leben, 
  • Beta orientierte sich am Sinn des Lebens, 
  • Gamma suchte nach den Sternstunden unserer Biografie, 
  • Delta staunte über unser Dasein
  • Omega strebt nach Selbsterfüllung

Wir Menschen sind einmalig, in uns liegt ein Potential, das wir zum Leben erwecken (lassen) wollen.  „Sei du selbst und werde, der du bist!“ (Schulz von Thun)  Gängige Schlagworte sind dabei „Authentizität“, Aber es spielt immer auch Taktgefühl und Sensibilität eine Rolle. Dazu passt gut der Begriff Stimmigkeit. 

Wenn wir uns auf die Suche nach dem eigenen Wesen begeben, ist das ein Abenteuer. Mir war schon immer wichtig, unterschiedliche Auffassungen von Menschen nebeneinander stehen zu lassen, Kompromisse zu finden. Aber ich lernte auch, dass nicht alle Auffassungen gleichwertig sind, es müssen auch Grenzen gesetzt werden, wenn andere etwa diffamiert werden. Mit Friedemann Schulz von Thun verbindet mich, dass ich klug und dumm bin. Manche Wissensgebiete sind mir fremd geblieben (dazu gehört in der Mathematik alles, was über Rechnen hinausgeht!), andere konnte ich mir rasch erschließen und auch anderen vermitteln. 

Vieles ist uns durch unser Erbgut mitgegeben. Vieles haben wir gut oder schlecht gelernt. Die Wechselwirkung von Anlage und Umwelt, von Gegeben und Geworden macht uns aus. Aber dann kommt es tatsächlich darauf an, was wir daraus machen. Und hier finde ich den Vorschlag von Schulz von Thun aufschlussreich: Unsere Entwicklungshelferin und unser Wechselwirkungspartner sind die Rollen, die wir übernehmen.

  • Erstens geben uns Rollen Halt: Wir sind für etwas zuständig! Als Vater sorge wir ich für meine Kinder und unsere Familie. Als Lehrerin bilden wir unsere Schüler und Schülerinnen. 
  • Zweitens bauen Rollen uns eine Brücke zur Mitwelt. Mein Kind und meine Partnerin erwarten etwas von mir. Ich stehe ihnen gegenüber in einer Pflicht.. 
  • Drittens schenkt die Rolle uns etwas (Identität, Kontakt, Resonanz, Zuständigkeit) und sie verlangt etwas von mir. 

Manche Anforderung sind uns auf den Leib geschrieben und wir nehmen sie mit Bravour wahr. Anderes bringt uns an Grenzen. Manche Herausforderung können wir annehmen und uns weiter entwickeln, bei manchen erleben wir das nicht. Ein Team zusammen zu stellen, zu motivieren und zu führen fällt mir sehr leicht, die Kommunikation in einer Fremdsprache ist dagegen meine Sache nicht. Ich habe immer wieder einmal versucht, diese Herausforderung anzunehmen und mich zu verbessern. Am Ende lautete meine Einsicht: Hier brauche ich Ergänzung! 

Wir setzen uns Erwartungen aus (eine „Rolle ist die Summe aller Erwartungen“), erleben manche Überraschung und müssen immer mehr erkennen, wie wir mit unserer Wesensart und Persönlichkeit unsere Rolle interpretieren und füllen. „Die Rolle macht etwas aus mir, aber auch ich mache etwas aus der Rolle“ (2021: 173). Alle Lehrerinnen haben die Rolle als Lehrerin, aber sie alle interpretieren sie anders. 

Meine Klassenlehrerin in der Mittelstufe suchte mich sanft herauszufordern, zu fördern und brachte zu Stande, dass ich mich um die Schule kümmerte. Andere Lehrer vermittelten Stoff, bereiteten ihn sehr gut auf. Unser Mathematik- und Physiklehrer arbeitete sich in Sport ein, als Not am Mann war. Das war seine Stärke nicht, aber für uns Schüler tat er es trotzdem. Am Barren setzte er sich oft der Lächerlichkeit aus, hatte aber unseren Respekt als Schüler. Wieder andere vermittelten nur sich selbst, erzählten eine Story nach der anderen und hatten immer Recht.

Durch die Rolle werden wir zu dem, was wir sind. Wir sind Sohn und Enkel, Vater und Großvater, Bruder und Cousin, Lernende und Lehrende, Ehepartner, Vermieter, Patient, Autor usw. Rollen zeigen eine persönlichkeitsbildende Kraft. Rollen machen etwas mit uns, aber wir machen auch etwas mit der Rolle. Menschen werden also durch ihre Rolle zu dem, was sie sind: Sohn und Enkel, Vater und Großvater, Vereinsvorsitzender, Schüler, Student, Lehrer, Chef, Ehepartner, Mieter, Vermieter, Autor usw. Was bewirken die Rollen, was haben sie aus uns herausgeholt? Was haben wir hineingegeben?

Wie geschieht nun die Selbstfindung? Schulz von Thun benennt drei Dimensionen, die alle zusammen wirken:

  • Dimension: Wie ich mich vorfinde. Ich finde mich vor mit meinen Eigenarten und Schrullen, die mich von Anfang an begleiten. Ich habe Orientierungen und Neigungen. Ich bin vorsichtig mit Sachen und Menschen, ich lasse mich gerne auf andere ein, begleite und fördere sie. Ich habe Ahnung von vielem, und keinen blassen Schimmer von anderem. Konflikte liebe ich nicht, aber ich nehme sie in Kauf. 
  • Dimension: Wie ich mich finde. Zunächst geht es nicht um Bewertung, sondern um Selbstfindung. Wie suche, ergründe ich mich? Wie komme ich mir auf die Spur? Als Jugendliche probieren wir uns aus, suchen nach unserem Kern. Das geschieht in unserem ganzen Leben. Manche liegt früh und fast offen zu Tage, manches entdeckt man mit der Zeit. Selbstfindung und Selbsterforschung bringen uns voran zu uns selbst. Manche brauchen dafür noch Mentoring, Coaching oder Psychotherapie.
    Für den Beruf fragen wir vielleicht: Was können wir gut? Gehen wir eher mit Sachen um oder mit Menschen? Sind wir eher Forscher oder Künstler? Sind wir unternehmerisch tätig oder lieben wir eher das Verwalten? Wichtig ist aber auch die Frage: Wo will ich mich entwickeln?
    Für viele ist der Beruf auch nicht alles. Da fesselt anderes die Aufmerksamkeit als die beruflichen Tätigkeiten. Das mag ein Hobby sein (der eigene Garten, das ehrenamtliche Engagement, die Aufgaben der Familie). 
  • Dimension: Wie ich mich erfinde. Das Leben ist voller Überraschungen, unberechenbar, verwirrend, herausfordernd. Wir finden uns mit unseren Ressourcen aus genetischem Erbe und Sozialisation vor und nehmen die Herausforderungen des Lebens an. Das Geschöpf wird zum Mitschöpfer, denn wir sind frei. Wir inszenieren uns durch unser Tun, ja wir erfinden uns neu. Werden wir Musiker oder Forscher, Diplomatinnen oder Künstler? Manches Gen brauchen wir, manche Entscheidung treffen wir. 

Wir sind einzigartig. Niemand vor uns und niemand nach uns ist so, wie wir. In uns liegt ein besonderes Potential, das unserem Leben Erfüllung schenken kann. Manches machen unsere Gene aus (Anlage). Dann setzen wir uns mit unserer Umwelt auseinander: Die Wechselwirkung mit dem „Lebensschicksal“, den Menschen, denen wir begegnen, die Rollen, die uns zufallen oder die wir übernehmen, macht uns schlussendlich aus. „Du machst deine Geschichte und deine Geschichte macht etwas mit dir – in dieser ewigen Wechselwirkung bildet sich dein Wesen heraus.“ (2021: 199)

Wir werden herausgefordert, das Leben zu führen, das uns entspricht. Dazu müssen wir uns erkennen und verstehen. Es soll meinem Glauben und den Herausforderungen gerecht werden.

Schlussendlich können wir die fünf Felder als fünf verschiedene Brillen betrachten, mit denen wir auf unser Leben sehen. 

  1. Alpha: Welche Träume und Wünsche konnten wir uns erfüllen?
  2. Beta: Welchen erkennbaren Sinn hat unser Leben?
  3. Gamma: Wie verläuft unser Leben, welche Sternstunden sind erkennbar?
  4. Delta: Welchen Reim machen wir uns auf unser Leben, welche Lebenseinstellung haben wir zu Gott, welche zur Welt?
  5. Omega: Was für ein Mensch sind wir, welches Wesen tritt zutage?

Literatur

Friedemann Schulz von Thun 2021: Erfülltes Leben. Ein kleines Modell für eine große Idee. München: Hanser