Geschöpf Gottes oder Laune der Natur? Das hat große Auswirkungen auf mein Selbstbild und meine Identität. Bin ich einem Schöpfer verantwortlich oder den Mitmenschen? Bin ich nur Produkt meiner Erbanlagen und meiner Sozialisation sowie meiner eigenen Entscheidungen? Sehe ich mich als Geschöpf Gottes, der mir das Leben geschenkt hat und gönnt, der mich begleitet, vielleicht ein Ziel mit meinem Leben hat?

Die Entscheidung darüber, wie Menschen das sehen, hängt mit ihrem Erleben, mit ihren Erfahrungen zusammen. Menschen mit einer religiösen Sozialisation sind für Übersinnliches aufgeschlossener als andere. Zugleich kann diese Sozialisation der eigenen Entwicklung auch entgegenstehen. Während manche sich von Religion und Glauben abwenden, wenden sich andere bewusst Religion und Glauben zu. Das Leben ist lang… und voller Überraschungen!

Identität ist im Wandel. Verlief vor 100 Jahren noch alles in vorgegebenen Bahnen („man muss das so machen“), so setzt in den 1968er Jahren dagegen grundlegender Widerstand ein. Bewusst grenzt man sich von allen Vorgaben ab und stellt es in Frage. Emanzipation und Selbstbehauptung sind die Parolen jener Zeit („ich will das so“). Mit den 1990er Jahren geht es eher darum, wie man sich inszeniert („so entspricht es mir“).

Wir müssen unsere Identität heute „erfinden“. Die normgebenden Traditionen werden bis heute in Frage gestellt, Beweglichkeit und Anpassung sind gefordert. Wir müssen die „Drehbücher unseres Lebens“ selber schreiben (Heiner Krupp).

Für unsere Identität ist dabei auch von Bedeutung, wie wir die Welt, in der wir leben, deuten. Früher sahen die Menschen sich in eine Schöpfung Gottes gestellt, der alles geordnet hat und in diese Welt eingreift. Die Grenze zwischen Himmel und Erde schien durchlässig, viele Erfahrungen wurden als Wunder erlebt. Die Welt schien „verzaubert“, der Mensch lebte hier in einem Jammertal als Pilger, der zur himmlischen Heimat unterwegs ist.

In der Neuzeit strebt man die vernünftige Erforschung der Welt an: Naturgesetze werden entdeckt, natürliche Ursachen für Wunder aufgedeckt. Die Welt wird Schritt für Schritt entzaubert. Fürchtet noch Luther bei einem Gewitter Gottes Zorn, so sehen Forscher der Moderne darin eine elektrische Entladung, der man durch einen Blitzableiter entgehen kann.

Hielt man zunächst noch an der Vorstellung eines Schöpfers fest, der die beste aller möglichen Welten geschaffen hat (Wilhelm Leibniz), so geben spätere Forschertraditionen Gott als Hypothese auf. Alles verlaufe nach den Gesetzen der Natur. Die Menschen sehen sich als frei, autonom und souverän. Der Mensch der Moderne ist Forscher und Gestalter der Welt.

In Europa geht Einfluss und Bedeutung von Religion immer mehr zurück. Der wissenschaftliche Fortschritt scheint sie mehr und mehr zu verdängen. Aber dies erscheint heute nur als europäische Entwicklung, wenn man so will ein Sonderweg. In anderen Weltregionen sind Religionen dagegen im Aufwind. Nicht alle gestehen sich das ein, weil es nicht in das traditionelle Weltbild der Neuzeit passt… Aber die Welt ist eben doch komplizierter…

Und hier noch einmal ausführlich: