Sucht man in einer Bilderdatenbank nach einem Bild für „Bildung“, werden Bücher, Graduierungsfeiern, Menschen an Schreibtischen, Stifte und Lehrsäle gezeigt. Das ist nicht falsch.

Gewählt habe ich dann das Bild der heiligen Familie, es zeigt Menschen in einer grundlegenden Lebenssituation, durch die Engel tritt eine andere Dimension ins Bild und der beginnende Lernprozess der Eltern mit ihrem Kind ist sicher auch ein Bildungsprozess. 

Bildung erscheint heute oftmals so trocken. Das scheint mir Grund genug, zunächst den Begriff zu erhellen. Wenn man sich mit Identität und ihrer Entwicklung beschäftigt hat, folgt einigermaßen logisch die Frage nach dem Selbstkonzept. Und bald kommt man zur Frage nach Bildung und Erziehung.

Heute meinen viele, dass Bildung mit Wissensvermittlung zusammenhänge. Dabei kann man sehr viel wissen, ohne wirklich gebildet zu sein. Seit langem versteht sich unser Volk als Land der Dichter und Denker. Unsere Kultur und besonders unsere Wissenschaft und Technik waren lange Zeit führend: Zu den „Dichtern und Denkern“ zählen etwa Beethoven, Benz, Diesterweg, Fichte, Fröbel, Goethe, Herbart, Herder, Humboldt, Kant, Lessing, Liebig, Nietzsche, Otto, Pestalozzi, Schiller, Schleiermacher, Siemens und Wieland usw

Die Vermittlung von Wissen spielt jedoch für Bildung eigentlich keine so große Rolle. Was die genannten Dichter und Denker auszeichnet, war sicher nicht ihr Wissen, sondern ihre Originalität, ihre Persönlichkeit, ihr Genie. Sie wagten neues Denken, beschritten neue Wege, verfolgten ihre Träume. 

Im Pädagogischen Diskurs im engeren Sinne geht es bei Bildung zunächst um die Beziehung des Menschen zu sich selbst, zu den Mitmenschen und zur Welt.  Und wo bleibt da Gott? Was ist Religion?

Religion führen die einen (und schon Cicero) auf re-legere zurück, das bedeutet wörtlich „wieder (auf)lesen“. Gemeint war, eine Situation im Blick auf die Götter und die göttlichen Mächte noch einmal „lesen“ oder durchgehen. Ist alles beachtet worden? Geschah alles korrekt? Die Religion ist insofern die Schwester der Reflexion, jedenfalls bei religiösen Menschen.  Andere (wie schon der christliche Schriftsteller Laktanz) führen Religion auf re-ligare zurück, was dann so viel wie „wieder binden“ bedeutet. Religion ist dann die Rückbindung an Gott. 

Beide Deutungen des Begriffs Religion scheinen in einer säkularen Gesellschaft überholt. Wenn es nur ein Diesseits gibt, ist alles andere Spekulation und schlimmstenfalls Jenseitsvertröstung, oder mit Marx „Opium des Volkes“. 

Eigentlich geht unser Bildungsbegriff auf Meister Eckhart zurück (1. Mose 1,27 f.). Der Mensch bilde etwas ab, das Gott in ihn hineingelegt hat. In seiner mystischen Erfahrung verbindet Meister Eckhart diese Charakterisierung mit 2. Kor 3,18, wo Paulus davon schreibt:

Wir alle aber schauen mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn an und werden so verwandelt in dasselbe Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, wie es vom Herrn, dem Geist, geschieht.“ 

Geht es also zum Einen um Entfaltung dessen, das Gott bei der Schöpfung in die Menschen gelegt hat, so geht es zum Anderen um die Verwandlung in das Bild Christi, was sich der mittelalterliche Mystiker als einen spirituellen Prozess vorstellt. 

Dazu lehrt dann Comenius seine Vision „ut omnes omnia omnino doceantur“ – allen alles auf jede Weise zu lehren. Alle sollen alles lernen – darauf berufen sich bis heute viele. Aber es geht Comenius immer um das Ganze im Blick auf Gott, er soll in allem erkannt werden, da er in allem erkennbar sei. 

Jedes einzelne Ding soll durchsichtig gemacht werden, so dass es auf seinen Sinn und damit letztlich auf Gott hinweist. Man würde so seine Spuren überall entdecken und seine Gegenwart überall erwarten. Das vermittelt Geborgenheit und Sicherheit, weil Gott sich um uns sorgt. Das weist aber auch auf den anderen und seine Hilfsbedürftigkeit hin, mit dessen Befinden sich Gott (Mt 25) identifiziert. In diesem Sinne spielt das Wissen eine neue Rolle.